titel

Startseite
Jahrgänge
1938
Autoren
Stichworte
Neue Seiten

Singen als geistliche Übung
von Jörg Erb

LeerSingen ist ein frohes und freudiges Tun; es ist ein selbstloses und unbeschwertes Spiel vor Gott; es ist Leben, Lob und Freude und soll nicht mit Gedanken beschwert werden. Singen ist ein selbstverständliches Tun und gehört zum Menschen, wie Blüte und Frucht zum Baum. Wie alles rechte Leben ein Wandel vor Gott ist, so ist auch alles rechte Singen ein frommes Tun. Singen ist nie ein gedankenloser Zeitvertreib; Singen ist nicht nur den frohen und unbeschwerten Stunden zu eigen; Singen ist auch ein Bitten und Beten und Rufen und Schreien aus der Tiefe, ein Ringen und Kämpfen und Schreiten in Waffenrüstung.

LeerNimm den Psalter zur Hand! Nicht alle Psalmen sind auf Jubel und Jauchzen gestimmt. „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu Dir”, beginnt einer, aber er endet getrost: „Ich harre des Herrn; ich werde ihm einst noch danken.” Der königliche Sänger des 22. Psalmes stimmt sein Lied an mit dem Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?” Aber noch ehe er sein Lied geschlossen hat, ist das Gotteslob über seine Lippen geströmt. Klagelieder stehen in der Bibel; aber gerade hier findet sich das tröstlich gewisse Wort: „Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.” Mit Tränen und in Trübsal sind viele biblischen Lieder angestimmt; dennoch verkünden sie freudig Gottes Lob. Das rechte Gotteslob bricht sieghaft aus Leid und Trübsal empor. Das gibt allem Kirchengesang die Tiefgründigkeit und -Echtheit, die dem Leben gegenüber standhält. Wo Gottes Lob verkündigt wird, da weichen die Trauergeister, da flieht die Anfechtung, der Zweifel und die Versuchung. „Der schönsten Gaben Gottes eine ist die Musik. Der ist der Satan sehr feind, damit man viel Anfechtungen und böse Gedanken vertreibet. Der Teufel erharret ihr nicht.” Das bezeugt Dr. Martin Luther; und ihm dürfen wirs glauben, denn er hats wohl erprobt und oft erfahren.

LeerDarum, wenn die bösen Gedanken dich anfechten und du in allerlei Kümmernis gefangen bist, stimme eins der großen Lieder der Kirche an: „Wir glauben all an einen Gott” oder „Nun bitten wir den heiligen Geist” oder „Nun lob mein Seel den Herren” oder „Gott der Vater wohn uns bei und laß uns nicht verderben”. Du sollst nicht warten, bis du glaubest, daß du Grund zum Loben und Danken hättest. Wir haben immer Grund genug, und Gott loben, das ist unser Amt. Je tiefer du gefangen bist in Kummer und Not, umso heller sollst du singen. Lieder sind Strickleitern, damit du der Grube entrinnen kannst, darin du gefangen liegst. Darum sing zu aller Stund.

LeerDas Singen ist eine gute Wehr und Waffen wider den bösen Feind. Und es ist mehr. „Musica ist eine schöne, liebliche Gabe Gottes, sie hat mich oft also erweckt und bewegt, daß ich Lust zu predigen gewonnen habe. Die Musik ist aller Bewegung des menschlichen Herzens eine Regiererin”, das bekennt Martin Luther und mit ihm viele andere, die solche Aufmunterung und Freudigkeit durch das Singen empfingen. Ich denke dabei an das Selbstzeugnis eines Pfarrers, der mir einmal erzählt hat: „Nie komme ich leichter zu meiner Predigt, als wenn ich hinauslaufen und von Herzen singen kann. Da stimm ich dann das Kyrie an und hernach das Gloria, den Glauben und ein Halleluja; und wenn ich so singe, fällt mir meine Predigt zu; nicht so, als ob ich hernach nicht mehr zu arbeiten hätte; aber ich weiß alsdann, was ich zu sagen habe.” Diese Worte habe ich nicht vergessen, und oft habe ich nachgedacht, wie dergleichen zugehen mag. Es wird so sein:

Linie

LeerIm Singen tut der Mensch sein Herz, d. h. sein innerstes Wesen auf, öffnet sich in der Tiefe seines innersten Menschseins und trägt seine Seele als eine offene Schale Gott entgegen. Ich kann auch sagen: Im Singen wird der Mensch wieder ein Kind, wenigstens ein Stücklein weit; im Singen vergißt er seiner selbst, wie das Kind beim Spiel sich selbst vergißt; und der Mensch, der sich verschworen hat: ich gehe nicht aus meinem Haus heraus, ich will im Finstern sitzen bleiben, da ist mirs wohl - er läßt sich unversehens an die Sonne locken, läßt sich von ihrem Schein durchkraften und durchgluten; er vergißt, die Haustüre zu schließen und er selbst, sein Haus und die Seinen alle werden durchsonnt. Gott ist die Sonne, von ihm kommt die Kraft. Er will uns durchgluten. Wir können der Sonne nicht befehlen, daß sie scheint. Aber es liegt in unserm freien Willen, daß wir aus der Höhle gehen und an die Sonne treten, an ihrem Licht uns freuen, in ihrem Scheine atmen. Diesen Schritt tun wir im Singen; wir gehen Gott entgegen; wie machen uns willens, ihm eine Wohnung zu bereiten in unserm Herzen.

LeerWie mag das zugehen? Zum ersten ist Bereitschaft nötig. Die wird im Singen angebahnt. Beim Singen müssen wir leibhaft mittun. Das stumme Singen ist noch nicht erfunden, und das Ablesen des Notenbildes genügt uns nicht, wir wollen die Weise hören, müssen sie gestalten mit unserm Atem. Da gilt es Müdigkeit und Lässigkeit zu überwinden. Über uns steht das Lied, das mehr ist als wir selbst, das Werk, das Gottes Lob verkündigt. Ton, Wort und Weise gewinnen Gestalt durch unser Atmen, Sprechen und Singen, und das umso vollkommener, je größer unsere Bereitschaft und je treuer unsere Hingabe ist. Diese Hingabe ist zunächst eine leibliche Angelegenheit. Indessen: der Atem ist der Mittler zwischen Seele und Leib; indem wir unsern Atem hergeben und verströmen lassen für das Lied, sind wir ganz tief vorgedrungen an unser innerstes Wesen. Leibliche Bereitschaft ist die Voraussetzung zum inneren Wachsein; leibliche Bereitschaft bahnt die seelische an. Das ist aber mehr und etwas ganz anderes als „sich innerlich einen Ruck geben.” Die innere Bereitschaft und Hingabe kann nur unmittelbar vorbereitet werden, so daß wir von uns selber frei werden, daß Gott wirken kann. Da hilft wiederum das Singen.

LeerIch sage ein armseliges Gleichnis: Ihr habt schon einmal den Kindern beim Seifenblasenspiel zugeschaut: Wenn eine Seifenblase schön rund und groß und farbig geworden ist, dann schwingen die Kinder sie vom Hälmchen los, daß sie frei fliegt; und dann laufen sie alle herbei und hauchen und blasen und tragen und halten die schöne Kugel mit ihrem Atemhauch in der Schwebe. Welche Spannung, welcher selige Eifer, welche Hingabe zeigt sich in solchem Spiel! So ist es auch beim Singen. Das Lied wird getragen von unserm Atem, die ganze Hingabe gilt ihm; keiner denkt an sich selber, keiner berechnet den Grad der Hingabe; wir werden frei von uns selber, wir treten aus unserer Höhle heraus in Gottes Sonne. Wir haben unser selber vergessen, da wir Gottes Lob sangen. Das aber ist die Zeit Seines Wirkens.

Linie

LeerWer je vor einem wahrhaft singenden Chor gestanden hat, der weiß, was gemeint ist. Wie viel ist auf den Gesichtern der Singenden zu lesen, wieviel Krampf ist da gelöst, wieviel Härte weicht, wieviel Bitterkeit wird verklärt, welche Gebärde der Hingabe wird sichtbar! Da wird Singen zur Gnade, da ist das Singen eine Übung zur Gottseligkeit geworden. Und das sollen und das dürfen wir getrost glauben und festhalten: Wo wir Menschen uns reinen Herzens aufmachen, Gott entgegenzugehen, da wird er nicht an uns vorübergehen. Alles Bemühen des Menschen und alle geistliche Übung aber geht dahin und findet da seine Grenze: Laßt uns Gott entgegengehen, daß er mit uns rede. Aber wir müssen auch wissen, daß diese Begegnung nicht unbedingt ein großer und lauter Auftritt sein muß, dem wir entgegenwarten müßten; Gott kann uns heimsuchen, wenn wir „nicht zu Hause” sind. Wenn wir unser selbst vergessen haben im Singen Seines Lobes, will Er an unsern Herzen wirken, heimlich und still.

LeerDie Bibel weiß von der Kraft des Singens. Nicht umsonst stehen in ihr die Psalmen, nicht umsonst fordert sie uns immer wieder auf: Singet dem Herrn! Singet und spielet Ihm in euerm Herzen! Ermahnt euch mit Psalmen und lieblichen Liedern!

LeerUnd die christliche Kirche hat diesen Ruf der Bibel vernommen und hat Lied um Lied angestimmt. Die Kirche der Reformation hat die Gemeinde singen gelehrt. Weil sie vom Singen als einer geistlichen Übung weiß, singt sie in ihren Gottesdiensten. Gleich wie der Sämann zuvor den Acker pflügt, ehe er die Saat streut, so bereitet die Kirche die Herzen der Gläubigen vor durch Gebet und Lied und Altargesang, durch Orgelspiel und Chorgesang, pflügt, lockert, bereitet den Acker der Seele, auf daß das Wort darin wurzle. Und wie der Sämann hinterdrein fährt mit seiner Egge, den Samen in den mütterlichen Schoß der Erbe zu betten, so geht auch die Liturgie der Kirche hinter dem Worte einher, Hüllt und deckt es sein mit Gebet und Lied, daß es bewahrt bleibe und nicht verdorre. Die Liturgie ist Bereitung und Bewahrung, ist Übung in der Gottseligkeit. Wir zwingen Gott nicht, uns zu segnen, und wir können seinen heiligen Geist nicht in unsere Herzen reißen; aber wir können und sollen uns mit allem Ernst und freudigem Eifer bereiten für Gottes Wirken, auf daß wir nicht durch Lässigkeit schuldig werden und Gottes Güte verscherzen.

LeerDie Kirche hat in ihrem Gesang einige Tongeschlechter vor andern bevorzugt, und daran hat sie gut getan. Die Kirchentöne, uns zum Teil fremd geworden, sind von besonderer Eindringlichkeit. Ihrer sollten wir uns viel mehr bedienen. Sie haben eine Kraft, vom Gottesreich, das nicht von dieser Welt ist, zu künden, deren die vielgebrauchte Dur nicht mächtig ist. Wir sollten überhaupt mehr singen, täglich singen; das käme unserem inneren Menschen zugute. Ein Morgenlied oder einen Abendchoral zu singen, hat manch einer Zeit und Möglichkeit. Die alte Kirche hat auch singend gebetet und hat damit dem Herzen zu größerer Hingabe verhelfen. Im Wechselgesang zwischen Priester und Gemeinde war die Aufforderung des Apostels verwirklicht, daß wir uns gegenseitig durch Psalmen und Lieder vermahnen sollen. Die alte Kirche hat das Evangelium gesungen. Das gesungene Wort erscheint uns geistiger, darum reimkräftiger und geistmächtiger als das gesprochene Wort, dem mehr Menschliches anhaftet. Das Singen trägt uns hinein in den heiligen Raum der Kirche. Darum halten wir alle echte Erneuerung des Kirchengesangs und der Liturgie für einen wahrhaften Dienst an der Kirche und ihrer Aufgabe.

LeerDie Kirche ist lange stumm gewesen; nun beginnt sie wieder zu singen. Gebe Gott, daß sie kein trotziges, selbstgenügsames Lied anstimme, sondern im Singen sich übe in der Gottseligkeit. Gottes Gnade schenke es!

Das Gottesjahr 1938, S. 114-118
© Johannes Stauda-Verlag Kassel 1938

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 13-02-24
TOP

Impressum
Haftungsausschluss