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von Hans von Lüpke |
Gibt es etwas Furchtbareres als unsere großen Weltbäder? Da sammelt sich am einsamen Strand des Meeres oder mitten unter den Wundern des Hochgebirges, auf kleinstem Räume zusammengedrängt, der ganze Lärm, die ganze Unnatur und Künstelei, die ganzen Genüsse, die ganze Schande der Großstadt. Damit nur ja der arme Leidende nichts von dem vermißt, was ihn dort - krank gemacht hat! Damit auch die heilende, gesunde Natur selber krank werde! Damit nur ja die Ärmsten von allen, die wahrhaft Heil- und Hilfsbedürftigen, es nicht erschwingen können und nicht durch ihren Anblick das Vergnügen verderben! Blüte unserer Kultur! Kanns denn anders ein? Die Deutschen in Siebenbürgen habens bewiesen, daß es anders sein kann. In wunderbarster Hochgebirgswelt bei Hermannstadt, legten sie einen Luftkurort an, so schlicht und einfach und still, wie die großen Wunder Gottes selbst, daß der Budapester Geldmensch und Literat jede Anregung seines Geistes entbehrte und schleunigst wieder davonzog. Man bot ihnen Millioneneinkünfte, wenn sie dort ein wirklich modernes Weltbad anlegten. Millionen, die sie zur Pflege und Erhaltung ihres armen, ständig um sein Leben kämpfenden Volkstums so bitter nötig hatten. Sie lehnten ab. Sie schossen jährlich Tausende zu, um nur arm zu bleiben und den wirklich Leidenden zu dienen. So hielten sie's mit allen Heilbädern im Lande, vollendeter Wahnsinn für den modernen Geschäftsmann! Aber wo ist die wahre Vernunft und Kultur? Wozu sind die Bäder da? Was gibt es Traurigeres als unsere Freudenindustrie? Das Edelste des Volkslebens, des Volkes Freude, die aus seinem Innern quillt, die es aus all seiner Hetze und Zerrissenheit wieder herstellt als ein Volk, ist ihr überantwortet zum Geschäft. Der Geschäftsmann muß sein Geschäft mehren, er muß es zu etwas bringen. Er muß Freude anbieten, so viel er kann, kann nicht warten, bis sie von innen quillt, sich selbst regt. So wird sie zum Vergnügen, zur Hetze, zur Leere und zum Gift. Wer macht daraus ein hohes, heilig Amt, das dem Volke in seinem Edelsten dient? Die Siebenbürger Sachsen habens von jeher getan. Da steht kein Wirtshaus, sondern ein Gemeindehaus im Dorfe als Stätte aller Freude und Geselligkeit, und die des Volkes Geist verwalten, leiten es. Kurz, was wir Kultur nennen, ist wildwachsendes Gestrüpp. Dort aber ist Kultur. Wie kommt der kleine Stamm dazu? Er hat sich einen geistigen Lebensmittelpunkt geschaffen, ein Organ für des Volkes Seele, so allumfassend von der höchsten Bildung bis zu dem toten Geld, so frei und weit und doch alles in den Dienst einordnend für das ganze Volk, ein „Ministerium des Innersten”, wie Johannes Müller sagen würde. Das ist seine Kirche. Die kulturfeindliche Kirche? Ja, so redet dort kein Mensch. Dort, wo der Staat sie nicht hält, sondern seit langem zu vernichten suchte, treten selbst die Monisten für sie ein als für ihres Volkes geistige Burg, mit der ihr ganzes Volkstum steht und fällt, und bringen die größten Opfer für sie. Umdrängt von übermächtigen halbwilden Völkermassen, entkleidet aller politischen Gewalt, bauten sie sich eine Geistesfestung, ähnlich dem äußeren Bilde der alten, oft dreifach umwallten und ummauerten Kirchenburg, in der sie jahrhundertelang ihr ganzes Dasein gegen die Türken verschanzten. „Eins ist das Volk!” Das war ihr Grundsatz. Ein Geist vor allem, eine Seele! Darum traten sie einmütig einst zum Protestantismus über. Deutschtum und Evangelium sind ihnen seitdem eins. Es war die Volksnot, die sie alle zusammengefügt. Es war die einzige Organisation, in die das ganze Volkstum sich flüchten und retten konnte. Hier baute es sich selbst aus eigenem auf, schaffte sich in den Banken die Mittel, in den Bädern die Heilkräfte, in den Schulen die geistigen Kräfte mit Pflichtfortbildungsschulen schon seit langem bis zum vollendeten neunzehnten Jahr, in den Bruderschaften und Schwesterschaften der Jugend, den Nachbarschaften und Frauenvereinen der Erwachsenen die lebendige Gliederung des Volkes, in den Gemeindehäusern die Geselligkeit und die Freude bis zum Tanz mit der Begleitung der Kirchenmusik. In den höchsten Lehranstalten aber malt man den Schülern als Ziel, dem alle ihre Ausbildung dient, das Volk vor Augen in seinem kleinsten und seinem Innerlichsten im Bilde eines dörflichen Kirchganges. Kein noch so feiner Forscher, der dem Volk, der der Kirche nicht dienen muß. So wills das Volk, so liebt es seine Kirche. Und wenn das selbsterwählte Haupt des Ganzen, der Bischof, durchs Land fährt, dann jauchzt ihm in jung und alt das ganze Volk zu als dem Fürsten, der aus seiner Seele kam. Ists mittelalterlich? Oder ganz modern? Es ist ja das Volk, das sich dies alles baut Und hat sich seit hundert Jahren in seinen Bischöfen stets die genialsten Männer des ganzen Volkes an seine Spitze gestellt, was noch keine moderne Demokratie fertig gebracht hat. Das kommt daher: es hat nicht in die Luft gebaut mit leeren Phrasen und von oben her, es hat die Gesinnung im kleinsten Kreis von unten auf geübt. Die Jugend ist die Urzelle dieses Volkes. Nicht in freiwilligen Vereinen schart sie sich, sondern, wie der Bürger in den Staat, so wird der schulentlassene Junge in die Bruderschaft, das Mädchen in die Schwesterschaft hineingeboren. Sie bildet eine Jugendschaft, die sich selbst innerhalb gewisser Grenzen regiert, nach eigenen Gesetzen und mit selbstgewählten Vertretern, die wieder bestimmten „Knechtevätern” oder „Mägdevätern” oder „-müttern” und der Kirche Rechenschaft schuldig sind. Sie richtet sich selbst auf monatlichen Appellen, veranstaltet selbst sich ihre Geselligkeit und ihre Freuden, außerhalb deren es keine gibt. Und die Folge? Unselbständigkeit infolge steter Gängelei? Vielmehr Gemeindebewußtsein, Volksbewußtsein, Eintreten für das Ganze. Das schafft Persönlichkeiten. Reine Bauerngemeinde, in der nicht Männer sind, die ihre Sache, vielmehr die Sache der Gemeinde, des Volks, der Kirche zu führen wissen, sich dafür verantwortlich fühlen und offen dafür einzutreten verstehen ohne Scheu. Im ungarischen Heere waren die Sachsen die geborenen Führer. Es tonnte keiner nach der Dienstzeit daheim sich sehen lassen, der es nicht wenigstens zum Gefreiten gebracht hatte. Und an der Spitze des ganzen Stammes ein Bischof, der Erprobteste der Erprobten, die Verkörperung der Seele des Volks, der auch ohne alle Machtmittel der Politik sein Volk durch alle Klippen zu steuern und innerlich zu einem unzerbrechlichen Bau zusammenzuschmieden weiß. In der Tiefe aber keusch und still bewahrt die Quellen des Lebens, das unbewußte Sinnen der unpersönlichen Volksmächte, die in dem Ganzen bleiben, weil sie noch nicht reifen, sondern schlafende Knospen für die Zukunft find. Die Siebenbürger Sachsen haben eine in der Welt einzigartige Leistung vollbracht: sie zeigen der Welt, was eine wirtliche Kultur, ein wirtliches Volk ist und wie man ein Volk wird. Sie haben auch ihre Fehler und Schatten wie andre, aber dies ist ihre besondere Leistung. Man kann sie nicht einfach unter ganz anderen Verhältnissen nachbilden, aber man kann darüber nachdenken, über die Tatsache vor allem: das hat die Kirche getan. Die Kirche als einheitliche Gesinnungsmacht, ohne die kein Staatenbau gelingt; die Kirche als Gewissen der Kultur, aber auch als innerste Organisation und Rückenmark eines Volkes, dem man die staatliche Selbständigkeit genommen. Deutsches Volk, wo ist deine Kirche? Das Gottesjahr 1923, S. 35 - 39 Hrsg. Walther Kalbe © Greifenverlag Rudolstadt (Thür.) |
© Joachim Januschek Letzte Änderung: 13-02-07 |